An einem Sonntag

Seine Mutter war mit der Tante in die Küche verschwunden. Sein Vater und sein Onkel hatten ihre Plätze gewechselt, saßen nicht mehr am Esstisch, sondern auf der Couchgarnitur. Er und die Cousine saßen noch am Esstisch, doch nicht mehr lange, das wusste er. Er wusste es, weil es immer so war, wenn sie in die Stadt fuhren, um Onkel und Tante zu besuchen.
Sein Vater und sein Onkel wechselten den Platz, um es sich gemütlich zu machen. Es bequem zu haben, für die ernsten Dinge. Um zu streiten, während die Frauen in der Küche rauchten und darüber redeten, dass die Männer immer streiten mussten. Und später, wieder allein mit ihren Männern, würden sie schlecht über die Frau des anderen reden. Es war immer so.
Was nicht immer so war: dass er Schnaps trinken durfte. Und auch sie, seine Cousine hatte Schnaps getrunken, auch wenn sein Onkel das anfangs nicht wollte. Aber er trank auch, und er war schließlich nicht viel älter als seine Cousine.
Er schaute auf seine Armbanduhr und wusste, dass gleich
Raumschiff Enterprise anfangen würde. Es war drei, um diese Zeit schaute er immer Raumschiff Enterprise. Vielleicht war das auch der Grund, warum er anfangs nicht hier sein wollte. Jetzt war es ihm fast egal, denn er hatte Schnaps getrunken. Er trank nicht oft Schnaps, und wenn er dann mal welchen trank, fühlte er sich wohl, so wie jetzt oder am Geburtstag von Lars Lemke, als er und die Jungs im Partyraum von Lars Lemkes Vater saßen und Bier tranken, ohne dass die Eltern von Lars etwas davon wussten; als Christian Diekmeyer anfing, Björn Fromm mit einer Bambusstange auf den Bauch zu schlagen, weil ihm, Christian Diekmeyer, übel von dem Bier war und Björn Fromm unbedingt wollte, dass sich Christian übergibt, was er später auch tat. Er hatte zugesehen und gelacht. Wie die anderen hatte er gehofft, dass sich Christian Diekmeyer übergibt, aber er hatte nicht an die Konsequenzen gedacht. An die Mutter von Lars Lemke und die Telefonate der Mutter mit seiner Mutter. Doch das war jetzt egal. Es lag schon einige Zeit zurück. Nun trank er mit den Großen, und das machte ihn auch zu einem Großen, wenn auch nur ein klein wenig.
Er fragte sich, ob es irgendwann anders wird, das Trinken, ob man sich im Alter anders dabei fühlt, weil sie, die Großen, dann anfangen zu streiten. So wie sein Vater streiten wird, gleich, mit dem Onkel. Doch vielleicht lag es gar nicht am Alter, sondern an den Familiengenen. Vielleicht sind sie alle komisch, nur er nicht. Auch seine Cousine, dachte er für sich, auch sie ist komisch, denn sie hatte ihm unterm Tisch mit ihren Füßen das Bein gestreichelt. Das war beim Essen, als die anderen noch am Tisch saßen. Sie hatten nicht bemerkt, wie er sein Bein wegzog und es dann wieder wegzog, als sie es abermals versuchte. Gar nichts hatten sie bemerkt.
Jetzt standen die Frauen in der Küche, und er konnte den Rauch ihrer Zigaretten riechen. Und die Männer saßen auf der Couchgarnitur und tranken Flaschenbier.
»Jennifer«, sagte der Onkel zu der Cousine, »zeig Hauke mal dein Zimmer.«
»Willst du mein Zimmer sehen, Hauke?«, fragte ihn die Cousine.
Er wusste nicht so recht, ob er das wollte. Kann ich nicht hier sitzen bleiben und den Fernseher einschalten? Lasst euch von mir nicht von euren Streitereien abhalten. Doch bevor er ihr sagen konnte, dass er nicht wollte, warum auch immer, vielleicht wegen der unbeherrschten Füße, oder vielleicht, weil hier der Fernseher stand und ihn anlächelte, und weil er hoffte, aber nicht zu fragen wagte, hier
Raumschiff Enterprise zu schauen, vielleicht wollte er deshalb nicht mitgehen. Doch dann war da ihre Hand, die sie ihm reichte, und ehe er sich versah, führte ihn diese kleine und kalte Hand durch die kleine und kalte Wohnung ins Kinderzimmer. Hinter ihm wurde die Tür geschlossen, und er stand in dem Zimmer seiner Cousine und wollte nur noch raus. Nach Hause, um mit den Jungs herumzuziehen. Die Militärkleidung anziehen, dann mit den Fahrrädern in den Wald und mit den Holzgewehren spielen. Er würde sich die beste Stellung aussuchen, denn er kannte den Wald so gut wie keiner von den Jungs, und er würde dort so lange ausharren, bis er sie alle erwischt hätte. Abends würden sie vielleicht nochmal an der Tankstelle vorbeifahren und ein Bier kaufen, denn das hätten sie sich verdient. Sie spielten Mann, und Männer haben sich nach getaner Arbeit ein Bier verdient. Die Frau in der Tankstelle wollte nie den Ausweis sehen, und er fragte sich, ob sie doch schon älter aussahen oder ob der Frau einfach alles egal war. Sie würden ihr Bier bekommen, so wie am Geburtstag von Lars Lemke, und dann mit den Rädern zurück in den Wald fahren, dort ein kleines Lager aufschlagen und das Bier trinken. Vielleicht würde Christian Diekmeyer wieder übel werden, weil er keinen Alkohol verträgt, doch vielleicht lag es auch an Björn Fromm, dass Christian Diekmeyer kotzen musste und dessen Mutter schließlich mit seiner Mutter telefoniert hat.
»Boah, gleich werden die sich wieder in die Wolle kriegen«, sagte sie und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür.
»Ja«, sagte Hauke.
»Ist immer das Gleiche. Ich hoffe, dass wir nicht irgendwann auch so werden.«
Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und bat Hauke, neben ihr Platz zu nehmen. Als er dann saß, ganz unsicher auf der Bettkante, da sprang sie wieder auf, ging zum Fenster rüber und deutete auf die Kakteen, die dort standen.
»Ich sammle die Dinger schon seit ein paar Jahren. Schön, oder? Sammelst du auch irgendwas?«
»Ja.«
»Was denn?«
»Star Wars-Figuren.«
»Wie? Raumschiff Enterprise und so?«
»Das ist Star Trek. Du weißt schon: mit Captain Kirk und Spock und so.«
Er schaute wieder auf die Uhr und wusste, dass die Sendung schon lief, dann schaute er auf den Fernseher, den er beim Betreten des Zimmers ins Auge gefasst hatte; er überlegte einen kurzen Moment, ob er sie, ein Mädchen, fragen könne, ob er seine Sendung schauen dürfe. Doch er ließ es sein.
»Hm. Nie gesehen.«
Sie griff nach der Schnur links vom Fenster und ließ die Rollläden herunter.
»Magst du was trinken?«
Aus ihrem Kleiderschrank, ganz oben und versteckt zwischen ihrer Wäsche, holte sie eine Flasche Schnaps hervor, drehte den Verschluss auf und trank daraus, bevor sie Hauke die Flasche reichte.
Er biss die Lippen zusammen, sodass nur ganz wenig durch den Flaschenhals drang, aber das, was er trank, brannte in seinem Mund.
Er gab ihr die Flasche, und sie trank. Trank mehr, als er getrunken hatte, und hielt ihm die Flasche wieder hin. Er nahm sie und wusste, dass er trinken musste, schaute aber nur dabei zu, wie seine Cousine wieder zum Kleiderschrank ging, zwischen die Wäsche griff und eine Schachtel Zigaretten hervorholte.
Er zögerte, als sie ihm eine anbot. Sie lag ausgestreckt auf der Matratze, der Aschenbecher zwischen ihnen, und rauchte.
»Wusstest du, dass Hitlers Eltern auch Cousin und Cousine waren?«, fragte sie und starrte dabei an ihre Zimmerdecke.
»Was?«
Sie drehte sich zu Hauke.
»Na, Hitler. Seine Eltern waren Cousin und Cousine, so wie du und ich.«
In der linken Hand hielt sie die Kippe. Mit der rechten Hand streichelte sie ihm den Rücken. Er saß steif auf der Bettkante und wagte es nicht, sich umzudrehen.
»Was soll das heißen?«
»Nichts. Nur, dass es nicht verboten ist, wenn Cousin und Cousine heiraten und Kinder kriegen.«
Und dann hörte sie auf, seinen Rücken zu streicheln, und tippte stattdessen dagegen.
»Du sollst die Flasche nicht halten, sondern draus trinken!«
Er trank und es brannte nicht mehr so wie beim ersten Mal, auch wenn es noch immer brannte, aber jetzt hatte es mehr Geschmack.
»Gut, oder?«
»Was ist das?«
»Whisky. Steht doch drauf. Hast du noch nie Whisky getrunken.«
»Nein.«
»Ich habe dir eben ganz schön Angst eingejagt, oder?«
»Ja.«
»Weißt du, ich hasse meine Eltern.«
»Ich meine auch.«
»Jetzt sitzen die wieder da drüben, und früher oder später wird wieder einer von denen an die Decke gehen, weil sie sich sowieso niemals über das bescheuerte Erbe werden einigen können. Denen geht es immer nur um Geld und um Arbeit. Das sind ihre Sorgen.«
»Irgendwann werden wir genauso sein.«
»Du vielleicht. Ich habe noch Träume.«
Sie tranken abwechselnd von dem Whisky, und er kam sich nun endgültig wie einer der Großen vor. Auch er hatte Träume. Dachte daran, wie er ins Wohnzimmer gehen würde, um seinen Vater und seinen Onkel anzuschreien. Um ihnen zu sagen, wie verlogen sie doch sind. Ihr seid Brüder, ihr Arschlöcher. Hört auf über das beschissene Geld zu streiten.
Es stimmte überhaupt nicht, dass er mal genauso werden würde wie seine Eltern, denn er war jetzt schon anders als sie. Es ging ihm gut, er fühlte sich erwachsen, und seine Cousine, die war ganz anders, als er sie in Erinnerung hatte. Sie war anscheinend auch gut drauf. Vielleicht lag es an der Stadt, dachte er, dass sie Whisky in ihrem Kleiderschrank hatte, und nun dachte er auch daran, irgendwann in die Stadt zu ziehen, weg von seinen Eltern und weg von Lars Lemke und den anderen, weil er wusste, dass sie alle so enden würden wie die Alten. Aber er war anders als sie, er spürte es.
»Ist das da oben dein Geheimfach?«
»Jau.«
»Was versteckst du da noch so?«
»Sag ich nicht, weil es ja sonst kein Geheimfach mehr ist.«
»Verstehe.«
Sie drückte die Kippe aus, sprang hoch und stand wieder vor dem Kleiderschrank.
»Hast du schon mal einen Porno gesehen?«, fragte sie.
Er zögerte mit der Antwort, und als er antworten wollte, da konnte er es nicht, weil sie ihn nicht ließ. Sie sagte: »Ich habe einen da.«
Sein Blick folgte der schlanken Figur, wie sie zum Kleiderschrank ging und von oben, dort wo auch schon der Schnaps und die Kippen versteckt gewesen waren, die Kassette herausholte.
Und dann lagen sie nebeneinander auf der Matratze und schauten auf den lautlosen Fernseher.
»Meine Alten wollen, dass ich nach der Schule eine Lehre mache. Geh ins Büro, sagen sie. Was für ein Scheiß. Weißt du, was man da verdient?«
»Nein.«
»Viel ist es jedenfalls nicht. Ich will was mit Tieren machen. Raus aus dieser beschissenen Stadt und dann auf dem Land leben, so wie du. Die Alten wollen nur, dass ich bald hier raus bin und ihnen nicht auf der Tasche liege.«
»Warum hasst du die Stadt?«
»Magst du sie etwa?«
»Ich glaube schon.«
Dann wechselte sie das Thema. »Hattest du schon mal eine Freundin?«
»Nein. Du, einen Freund?«
»Mhm.«
»Was ist draus geworden?«
»Wir haben uns getrennt.«
»Hm.«
Sie hielt ihm die Kippenschachtel hin. »Willst du jetzt eine?«
»Wissen deine Eltern, dass du rauchst?«
»Schon. Ich darf nur nicht rauchen, wenn Besuch da ist.«
»Okay.«
»Willst du eine?«
»Ja.«
Ihr Kopf ruhte jetzt auf seiner Schulter, er hatte seinen Arm um sie gelegt, und in der freien Hand hielt er die Kippe. Er war nicht mehr hier im Kinderzimmer seiner Cousine. Er lag jetzt in einem Zelt; es war vor einem Jahr, im Sommer auf Ameland, und seine Cousine war nicht seine Cousine, sie war Sandra und hatte blondes Haar. Sandra hatte ihn die ganze Zeit auf die Schippe nehmen wollen. Hatte ihm weismachen wollen, sie hätte ein Kind, doch er hatte es nicht geglaubt, jedenfalls nicht so richtig. Jetzt lag er wieder mit ihr in dem Zelt.
Sandra war ein Skinhead, jedenfalls behauptete sie das. Er wusste nicht, ob sie ihn damit auch veräppeln wollte, weil er sich für so etwas, für Skinheads, noch nicht so richtig interessiert hatte und daher nicht wusste, wie Skinheads aussehen. Gut, sie haben eine Glatze, doch sie war ein Mädchen, hatte blondes Haar, das an den Seiten rasiert war. Reicht das aus, um ein Skinhead zu sein? Vielleicht war sie einer, vielleicht auch nicht. Das spielte für ihn keine Rolle, denn er mochte sie ganz gerne, aber eher so als Kumpel, weil sie eine große Klappe hatte, und vermutlich, so dachte er damals im Zelt vor einem Jahr, vermutlich wäre Sandra selbst gerne ein Kerl, denn sie war jetzt schon mehr Mann als er. Sie wollte mit ihm schlafen, und er zögerte, denn da war etwas. Die Angst? Natürlich war da die Angst, aber da war noch etwas, etwas viel Wichtigeres, und er hatte es damals gefühlt, dieses Etwas, konnte es jedoch
nicht benennen. Du kannst mit einem echten Skin schlafen, hatte sie gesagt, das wäre doch was. Könntest allen davon erzählen. Er dachte drüber nach, was wohl Lars Lemke und die anderen davon hielten, wenn er ihnen davon erzählt hätte. Damals, mit ihr allein im Zelt, da war er noch ein Kind, und heute, heute im Zelt an der Nordsee mit Sandra im Arm, da war er ein Großer, er spürte es. Damals wollte er nicht, und sie akzeptierte es, sagte aber, ihm würde was entgehen. Bis heute hatte er drüber nachdenken müssen, was ihm entgangen war, und nun, ein Jahr später, da will er nicht, dass ihm etwas entgeht. Er will zu Lars Lemke und Christian Diekmeyer und den anderen Jungs gehen und ihnen sagen, wie es ist, wie es wirklich ist. Das, was er sonst nur träumt, was er sich die ganze Zeit über versucht hatte, vorzustellen. Ja, jetzt würde er es können, weil dieses Etwas ihn nicht mehr plagte, und das lag wohl daran, dass er nun kein Kind mehr war, sondern ein Großer.
Sie griff zur Fernbedienung und stellte den Videorekorder auf Pause.
»Erde an Captain Kirk!« Das Mädchen musste ihn aus seinen Träumereien zurückholen. »Hat der Film dich so umgehauen? Oder bist du schon betrunken?«
»Ich … ich war nur … ich habe nur … Sag mal, du und dein Freund, wie lange seid ihr zusammen gewesen?«, fragte er leise.
»Fast drei Monate.«
»Vermisst du ihn?«
»Nein.«
»Nein? Hast du ihn nicht geliebt?«
»Ich glaube nicht.«
»Und du konntest so lange mit ihm zusammen sein?«
»Das hatte nichts mit Liebe zu tun.«
»Hattet ihr …?«
»Ja.«
»Hm.«
»Hattest du schon?«
»Ich hätte mal können, doch da war etwas … ich glaube es lag daran, dass ich das Mädchen nicht geliebt habe.«
»Du bist ein Romantiker, mein lieber Cousin.«
»Was hat das mit Romantik zu tun?«
»Ganz viel, und ich finde es gut.«
»Okay.«
»Magst du mich eigentlich?«, fragte sie.
»Ja«, sagte er und meinte es ernst.
»Wie sehr?«
Sehr.
»Ziemlich.«
»Vielleicht können wir uns ja häufiger sehen. Was unternehmen. Die Alten brauchen das ja nicht erfahren.«
»Ich finde, dass sie das ruhig erfahren können, damit sie sehen, dass es auch anders geht.«
»Hört sich vernünftig an.«
Er wusste, dass es nicht immer so bleiben konnte. Und dann war es auch schon fast vorbei. Er hörte draußen die aufgeregten Schritte, die Stimmen, die immer näher kamen und mit jedem Meter lauter wurden, und er versuchte, diesen Augenblick in sich aufzunehmen, damit es, wie auch immer, ein Teil von ihm bliebe. Gleich wird das hier zu Ende sein, und es kommt nie wieder. Aber das Gefühl daran, die Erinnerung, bitte mach, dass das bleibt. Gleich würde er nicht mehr groß sein, nicht für die; doch das, was er jetzt und hier hatte, kann ihm keiner nehmen, es wird bleiben und wachsen, so wie er gewachsen ist, und irgendwann wird auch er in der Stadt wohnen, aber vorher wird er sich wieder mit ihr treffen, sie werden was unternehmen, und die Alten werden nichts dagegen tun können, dachte er, während er lauschte, wie die Tür des Kinderzimmers aufgerissen wurde.

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